Die uralte Kunst des Wahrsagens, die schon bei den Steinzeitmenschen erste Fans gehabt haben soll, ist für den Menschen, der sie als Gabe mit in die Welt gegeben wurde, sowohl Geschenk als auch Fluch. Denn viele, die erst spät zu dieser Berufung fanden, weil sie keine familiären Erfahrungen mit diesem Talent hatten, litten in ihrer Jugend unter undefinierbaren körperlichen Störungen oder seelischen Schmerzen. Das Universum verschenkt nämlich seine besonderen Kräfte nur dann ohne Aufpreis, wenn man bereit ist, den Menschen, die in ihm leben, etwas dafür zurückzugeben.
Wahrsager, die ihre Energien nur für sich selbst anwenden, weil ihnen manchmal gar nicht klar ist, dass sie sie besitzen, machen oft ein schweres Leben durch, bis sie die Früchte ihrer Erkenntnisse mit der Welt teilen und dadurch sozial im besten Sinne werden. Nutzen sie allerdings das dann, was ihnen gegeben wird, erleben sie vielfach dramatische Lebenswenden zum Positiven.
Die Wahrsagekunst heißt mit offiziellem Namen "Mantik", ein Wort, in dem sowohl der Seher, "mantis" steckt, als auch das griechische Verb "mainomai", das "erregt sein" bedeutet. Dass der Wahrsager von Wahrheiten kündet, die nur er sehen kann, ist mit diesen Übersetzungen verbunden, aber auch, dass in alten Zeiten Wahrsager gern Personen waren, die plötzlich in Trance verfielen und sich zum Teil in diesem Zustand aufgewühlt und psychisch völlig anders verhielten als andere in ihrem gewohnten Umfeld.
Über die Jahrtausende wurde mit vielfachen Hilfsmitteln in die Zukunft gesehen: Man benutzte Karten, Kristallkugeln, Pendel oder die Botschaften der Sterne, aber auch Äxte (was man Axinomantie nannte), Flussquellen (der Name dafür ist Pegomantie) beziehungsweise Wachs (Keromantie). Dabei sind die Instrumente des Wahrsagers bekannt als eine Art Verlängerung seines Körpers, die Botschaften besser lesbar machen. Was aber für den guten Wahrsager den Ausschlag gibt, ist allein seine spezielle Verbindung zu den unsichtbaren Welten, deren Sprache er sprechen lernen muss.